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AM RANDE DER EXISTENZ
[...]Manchmal,  wenn sie Karten von der Kulturloge bekommt, geht sie aus [...] es gibt ihr ein Gefühl von Normalität und Würde, sich für solche Anlässe „zu richten“. Sie arrangiere sich, so gut es geht, mit ihren Krankheiten. „Aber es ist furchtbar, Bittsteller zu sein“, sagt sie. „So habe ich mein Leben nicht geplant.“++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ SÜDWEST PRESSE Am Rand der Existenz Von Barbara Hinzpeter | 09.12.2017 Es ist kühl im Zimmer, die Heizung auf Sparflamme gedreht. Eingemummelt in ihre Strickjacke und mit einer Wärmflasche auf dem Bauch sitzt Iris S. auf dem Sofa, umgeben von einer Heerschar von Plüsch- und Stoffhasen. Geschenke, die sie an die Zeit erinnern, als sie noch echte Zwergkaninchen besaß und Zukunftspläne schmiedete. Über den Haufen geworfen wurden sie durch chronische Krankheiten. Schon als Kind habe sie ständig unter starken Bauchschmerzen und Verstopfung gelitten, sagt die 51-Jährige. Dennoch blieb ihre Darmkrankheit lange unerkannt. Weil sie nie viel essen konnte und mehr als dünn war und ist, steckte sie in der Schublade „Magersucht“. Es dauerte lange, bis ein Arzt den organischen Ursachen auf den Grund ging. Wegen der Erkrankung musste Iris S. ihr Dolmetscher-Studium aufgeben, Sie machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. „Ich liebte meinen Beruf und war ein Arbeitstier“, sagt sie. Schmerzen ließ sie sich nicht anmerken. Nach zehn Bauch-Operationen mit Entfernung des Dickdarms, der Eierstöcke und der Gebärmutter und acht Eingriffen am Kniegelenk bescheinigten ihr Amtsarzt und Gutachter, sie sei „nicht mehr in der Lage, Arbeit von wirtschaftlichem Wert zu erbringen“. An diesem Urteil hatte sie lange zu knabbern, mit 36 Jahren musste sie Erwerbsminderungsrente beantragen. Die ist nicht üppig. „Ich bin es gewohnt zu sparen und bin bescheiden“, sagt die Ulmerin. Die kleine Sozialwohnung ist eingerichtet mit Möbeln, die – wie manche ihrer  Kleidungsstücke – teilweise noch aus ihrer Schul- und Studienzeit stammen. Wegen ihres starken Untergewichts – sie ist 1,76 Meter groß und wiegt 46 Kilo – friert Iris S. leicht. Sie wagt es aber nicht, die Heizung aufzudrehen, um keine Nachzahlung zu riskieren. Eigentlich ist sie auf hochkalorische Zusatznahrung angewiesen. Weil sie noch kauen kann, kommt die Krankenkasse nicht für die Kosten auf. Kauft sie sich die Fläschchen selbst, fehlen ihr monatlich 50 Euro an anderer Stelle. Auch andere Medikamente, die ihr Linderung verschaffen, sowie nötige Hygiene- und Pflegeartikel bekommt sie nicht erstattet. Seit vielen Jahren leidet sie an Osteoporose, ein Sturz wäre fatal. Dennoch trägt sie trotz Kurzsichtigkeit keine Brille. „Die kann ich mir nicht leisten“, sagt sie. Letztlich bleiben ihr 275 Euro zum Leben. Anträge stellen, Widersprüche einlegen gegen Ablehnungsbescheide – so etwas lag ihr fern und auch heute noch bringt sie nicht immer die Energie dafür auf. „Ich musste lernen zu kämpfen“, sagt sie. Die Angst, dass eines ihrer Haushaltsgeräte wie Staubsauger, Herd, Kühlschrank oder Waschmaschine den Geist aufgeben könnte, begleitet sie ständig im Alltag. Sie legt Wert darauf, dass dieser strukturiert ist. Manchmal,  wenn sie Karten von der Kulturloge bekommt, geht sie aus – obwohl sie bei Konzerten und Aufführungen wegen ihrer Schmerzen nur kurze Zeit durchhält. Aber es gibt ihr ein Gefühl von Normalität und Würde, sich für solche Anlässe „zu richten“. Sie arrangiere sich, so gut es geht, mit ihren Krankheiten. „Aber es ist furchtbar, Bittsteller zu sein“, sagt sie. „So habe ich mein Leben nicht geplant.“

WO KULTURLOGE DRAUF STEHT, MUSS AUCH KULTURLOGE DRIN SEIN !!!
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Süddeutsche.de ERSTE REIHE Die Kulturloge gibt Eintrittskarten an Menschen im Landkreis aus, die sich sonst keinen Theater- oder Konzertbesuch leisten können. Ehrenamtliche rufen an und vermitteln die Karten persönlich. Dadurch entsteht eine Bindung, von der Zuschauer und Darsteller profitieren
Von Gregor Schiegl, Dachau Lebensmittel, die in Geschäften nicht mehr verkauft werden, gibt das Rote Kreuz in der "Dachauer Tafel" kostenlos an Bedürftige ab. Noch relativ wenig bekannt ist, dass dieses Modell im Landkreis nicht nur für übrig gebliebenen Salat, Joghurt und Brot Anwendung findet, sondern auch bei Theatervorstellungen, Lesungen und Konzerten. Seit drei Jahren vermittelt der Verein "Kulturloge Dachauer Land" kostenlos Karten an Leute mit geringem Einkommen. "Anderen Freude zu machen, ist das Schönste auf der Welt", sagt der Vorsitzende Florian Heiser. Er ist selbst Kulturschaffender, seit mehr als 30 Jahren gestaltet Heiser das Programm der Kleinkunstbühne Leierkasten in Dachau mit und ist selbst immer wieder beglückt von den "magischen Momenten" auf der Bühne. Dieses Glück sollen auch Menschen erleben dürften, die sich sonst vor allem mit der Frage herumschlagen, wie sie über die Runden kommen. Derzeit nutzen etwa 80 Gäste regelmäßig das Angebot der Kulturloge: Familien mit Kindern, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, und Rentner, deren Bezüge nicht mehr zum Leben im teuren Landkreis Dachau reichen. Normalerweise sind es Sozialverbände, beispielsweise die Caritas Dachau, die der Kulturloge ihre Gäste vermittelt. Die Verbände wissen, wer bedürftig ist und wer nicht. Darauf verlässt sich die Kulturloge. "Wir wollen nicht, dass sich jemand bei uns ausziehen muss", sagt Heiser, natürlich bildlich gesprochen. Vier ehrenamtliche Helfer rufen die potenziellen Gäste an, normalerweise am Mittwoch, wenn das Konzert oder die Aufführung am Wochenende ist. Das bedeutet einigen Aufwand, ist aber so gewollt. Die persönliche Ansprache sei "ein wichtiger Teil der Arbeit der Kulturloge", sagt Heiser. Man kann den Leuten erklären, wie sie zum Veranstaltungsort kommen, der persönliche Kontakt schaffe auch eine "gewisse Verbindlichkeit". Beim Veranstalter werden die Karten an der Abendkasse auf den Namen des Gasts hinterlegt. Das Angebot kann sich sehen lassen: Darunter sind Lesungen beim Poetischen Herbst, Theatervorstellungen der Thoma-Gemeinde in Dachau, Kabarettauftritte im Schwabhausener Gasthof zur Post, Kindertheater im Leierkasten, die Dachauer Schlosskonzerte und - "der absolute Renner" - das Hoftheater Bergkirchen. Das mag an dem unterhaltsamen Programm liegen. Theaterchef Herbert Müller hat aber noch eine andere Erklärung: "Theater ist ein ganz wichtiger Kommunikationspunkt. Es geht ja nicht nur darum, was auf der Bühne passiert, das ist auch ein Ort, an dem die Leute sich begegnen. Im digitalen Zeitalter werden die Menschen immer einsamer. "Aber bei uns steht niemand einsam wie in einem riesigen Opernhaus." Garant dafür ist schon allein Gudrun Wilk, die gute Seele des Hauses, die jeden Besucher persönlich verabschiedet. Auch Leute, die nicht so oft Kulturveranstaltungen besuchen, fühlen sich wohl. "Wir sind ein kleines Haus", sagt Müller. "Bei uns geht es immer leger und nett zu." Für den Theatermacher ist dieser soziale Aspekt selbstverständlich. Allerdings leugnet er nicht, dass er als Veranstalter auch einen Nutzen hat. "Wenn in einem kleinen Theater mit 80 Plätzen zehn Sitze unbesetzt bleiben, sieht das schon recht leer aus", sagt Herbert Müller. Da geht es nicht um Geld, da geht es eher um Stimmung. Im vollen Haus spielt es sich besser. Die Kulturloge, als deren Schirmherr Landrat Stefan Löwl (CSU) fungiert, ist keine Dachauer Erfindung. "Es gibt ja auch Menschen,Bereits im Jahr 2007 verteilte die Marburger Tafel Eintrittskarten zu kulturellen Veranstaltungen an ihre Kunden. Viele Städte und Landkreise kopierten das Modell - auch Dachau. die nicht so gut gestellt sind", sagt Wolfgang Gartenlöhner vom Landratsamt Dachau, der zweiter Vorsitzender der Loge ist. einfach. Im"Unser Ansatz war dir Frage: Was kann die Gesellschaft tun, um diesen Menschen zu helfen?" Die Umsetzung war gar nicht so einfach. Im ersten Jahr konnte der Verein keine einzige Karte vermitteln. Inzwischen hat er sich etabliert, auch wenn Gartenlöhner zugibt, dass er sich einen etwas größeren Kreis von Gästen wünschen würde. Die Dachauer Tafel hat mehr als 1200 Bezugsberechtigte, das zeigt welches Potenzial die Kulturloge tatsächlich hat. Aber die Ehrenamtlichen haben schon einiges auf die Beine gestellt. "Unsere Lernkurve ging steil nach oben", sagt Florian Heiser. Inzwischen kann die Loge jedem Gast im Schnitt fünf bis sechsmal im Jahr eine kostenlose Kulturveranstaltung anbieten. Eine neue Software soll den ehrenamtlichen Helfern nicht nur die Organisation erleichtern, sondern auch sicherstellen, dass die Angebote fair verteilt werden. "Wir hatten auch überlegt, Flüchtlinge einzubeziehen", sagt Heiser. "Das war in der Vergangenheit technisch leider nicht möglich." Auch das könnte sich nun ändern. Deutschlandweit gibt es schon eine Vielzahl ähnlicher Projekte wie die "Kulturloge Dachauer Land", aber nur die, die den vom Bundesverband geschützten Namen "Kulturloge" tragen, kümmern sich intensiv um ihre Gäste. Andere Institutionen vermitteln zwar Gratiskarten, aber gehen die Leute nicht hin, fliegen sie vom Verteiler. Das ist nicht das Verständnis der Kulturloge. "Die Karten sind ein Geschenk", betont Heiser, und wenn jemand sie nicht abholt, fragen die Mitarbeiter nach, was los war. Es kann viele Gründe geben: Manche sind krank und schaffen es nicht aus dem Haus, oder sie sind zu erschöpft mit ihren drei, vier Jobs; manche sind auch verunsichert, ob sie die adäquate Kleidung im Schrank haben. Das alles ist für Heiser keine Rechtfertigung, jemandem kurzerhand den Stuhl vor die Tür zu stellen. "Wir wollen behutsam mit den Leuten umgehen und würdevoll." Wie sich das für einen guten Gastgeber gehört. Mehr Informationen: kulturloge-dachau.de URL: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/engagement-fuer-beduerftige-erste-reihe-1.3614176 Copyright: Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH Quelle: SZ vom 03.08.2017